Das Modell von Nancy Roper, entwickelt gemeinsam mit Winifred Logan und Alison Tierney, strukturiert die pflegerische Einschätzung anhand von zwölf Aktivitäten des täglichen Lebens. Jede Aktivität entspricht einem Grundbedürfnis des Patienten und wird auf einem Kontinuum zwischen vollständiger Abhängigkeit und größtmöglicher Selbstständigkeit bewertet. Dieser Rahmen ermöglicht eine individuelle Pflegediagnose und darauf aufbauend die Planung von Maßnahmen, die auf die tatsächliche Situation der pflegebedürftigen Person abgestimmt sind.
Die zwölf Lebensaktivitäten: Grundlage des Roper-Logan-Tierney-Modells
Das Modell basiert auf einer konkreten Liste von zwölf Lebensaktivitäten, die jeder Mensch im Alltag ausführt. Sie sind nicht hierarchisch geordnet, können aber je nach klinischem Zustand des Patienten unterschiedlich hohe Priorität haben.
- Für eine sichere Umgebung sorgen, atmen, kommunizieren und essen bilden die erste Gruppe. Sie umfasst lebenswichtige und zwischenmenschliche Funktionen.
- Ausscheiden, Körperpflege, Temperaturregulierung und Bewegung bilden die zweite Gruppe. Sie bezieht sich auf physiologische und motorische Funktionen.
- Arbeit und Freizeit, Sexualität ausdrücken, schlafen und schließlich der Sterbeprozess ergänzen das Modell um psychosoziale und existenzielle Aspekte, die in klassischen Bewertungsrastern oft vernachlässigt werden.
Ein Detail verdient besondere Beachtung: Das Modell führt den Tod ausdrücklich als Lebensaktivität auf. Diese Entscheidung ist nicht nebensächlich. Sie verpflichtet Pflegekräfte, die Begleitung am Lebensende nicht als therapeutisches Scheitern, sondern als eigenständigen Bestandteil der Pflege zu betrachten – mit eigenen Bewertungskriterien wie den Präferenzen des Patienten, spirituellen Bedürfnissen und dem sozialen Umfeld.
Eine ausführliche Ressource zu Nancy Ropers Theorie auf Doctinews erläutert die historischen Grundlagen und klinischen Anwendungen dieses konzeptionellen Rahmens.

Die Pflege-Rosette: visuelles Bewertungsinstrument im klinischen Alltag
Der markanteste Beitrag des Roper-Modells zur täglichen Pflegepraxis ist die Pflege-Rosette. Dabei handelt es sich um ein kreisförmiges Diagramm, dessen einzelne Achsen jeweils eine Lebensaktivität darstellen. Die Pflegekraft markiert auf jeder Achse den beobachteten Grad der Selbstständigkeit des Patienten und verbindet anschließend die Punkte miteinander.
So entsteht eine unregelmäßige geometrische Figur. Je größer und gleichmäßiger sie ausfällt, desto selbstständiger ist der Patient. Ein schmaler Bereich weist unmittelbar auf ein Gebiet hin, auf das sich die pflegerischen Maßnahmen konzentrieren sollten.
Verlaufsbeobachtung und Entwicklung im Zeitverlauf
Besonders aussagekräftig wird die Rosette, wenn sie in regelmäßigen Abständen erneut erstellt wird. Für jede Einschätzung wird eine andere Stiftfarbe verwendet. So lassen sich mehrere Bewertungen auf derselben Vorlage visuell übereinanderlegen. Die Pflegekraft erkennt auf einen Blick, welche Aktivitäten sich verbessern, unverändert bleiben oder verschlechtern.
Diese dynamische Betrachtung geht über die bloße Momentaufnahme eines Zustands hinaus. Sie macht den Verlauf des Patienten sichtbar und erleichtert so die Übergabe zwischen Teams sowie Entscheidungen zur Anpassung des Pflegeplans.
Abstufung der Abhängigkeit
Für jede Aktivität sieht das Modell eine Skala mit fünf Stufen vor. Bei der Nahrungsaufnahme reicht sie beispielsweise von Stufe 0 (künstliche Ernährung über Sonde oder Infusion, keinerlei Selbstständigkeit) bis Stufe 4 (der Patient isst normal und ohne Hilfe). Die Zwischenstufen unterscheiden zwischen vollständiger und teilweiser Unterstützung sowie Anleitung und Beaufsichtigung.
Diese feine Abstufung verhindert binäre Bewertungen (selbstständig oder abhängig), die tatsächliche Fortschritte verschleiern können. Ein Patient, der bei der Ausscheidung von Stufe 1 auf Stufe 2 kommt, macht Fortschritte, auch wenn er noch weit von vollständiger Selbstständigkeit entfernt ist. Das Modell macht selbst kleine klinische Fortschritte sichtbar.
Einflussfaktoren auf die Lebensaktivitäten in der Pflege
Das Roper-Logan-Tierney-Modell beschränkt sich nicht darauf, Aktivitäten aufzulisten. Es berücksichtigt fünf Kategorien von Faktoren, die die Fähigkeit des Patienten beeinflussen, die einzelnen Aktivitäten auszuführen: biologische, psychologische, soziokulturelle, umweltbezogene und politisch-ökonomische Faktoren.
In der Praxis bedeutet das, dass zwei Patienten mit demselben Selbstständigkeitsgrad bei der Mobilität ganz unterschiedliche Maßnahmen benötigen können. Ein biologisches Hindernis (Fraktur) erfordert eine andere Reaktion als ein psychologisches Hindernis (Angst vor einem erneuten Sturz) oder ein soziokulturelles Hindernis (keine Betreuungsperson zu Hause).
Diese Betrachtungsweise regt Pflegekräfte dazu an, über eine rein körperliche Einschätzung hinauszugehen. Sie strukturiert die klinische Beurteilung, indem sie dazu anhält, zu dokumentieren, warum eine Aktivität beeinträchtigt ist – und nicht nur, in welchem Ausmaß. Dadurch wird die Pflegediagnose ursächlich präziser.

Grenzen des Roper-Modells im Pflegealltag
Kein theoretisches Modell kann sämtliche klinischen Situationen abdecken. Aufgrund ihrer visuellen Einfachheit kann die Rosette einen falschen Eindruck von Vollständigkeit vermitteln. Ein zufriedenstellendes Ergebnis bei allen zwölf Aktivitäten garantiert nicht, dass der Patient eine hochwertige Pflege erhält: Die zwischenmenschliche Dimension, eine differenzierte Schmerzbehandlung oder individuelle Präferenzen lassen sich nicht immer auf einen Punkt auf einer Skala reduzieren.
Außerdem ersetzt ein strukturiertes Bewertungsinstrument nicht das klinische Urteilsvermögen. Bei einer Prüfung der Pflegedokumentation, die sich ausschließlich auf das Ausfüllen der Rosette stützt, besteht die Gefahr, dokumentierte Regelkonformität mit der tatsächlichen Pflegequalität gleichzusetzen. Das Modell dient als Unterstützung für die klinische Beurteilung, nicht als Ersatz für direkte Beobachtung und den Austausch mit dem Patienten.
Die Versorgung am Lebensende verdeutlicht dieses Spannungsfeld. Das Roper-Modell macht den Tod in der Einschätzung sichtbar, doch die konkreten Herausforderungen für Pflegekräfte in der Intensivpflege – Arbeitsbelastung, fehlende spezielle Schulungen und Schwierigkeiten, das Thema mit Angehörigen anzusprechen – gehen über den Rahmen eines theoretischen Bewertungsrasters hinaus.
Das Roper-Logan-Tierney-Modell zählt in der französischsprachigen Pflegeausbildung nach wie vor zu den am häufigsten verwendeten Instrumenten zur Strukturierung des pflegerischen Denkens. Seine Stärke liegt in der Rosette als visuellem Instrument zur langfristigen Verlaufsbeobachtung, das abstrakte klinische Daten in eine für das gesamte Pflegeteam verständliche Darstellung überführt. Seine Grenze liegt darin, was es misst: den Grad der Selbstständigkeit, nicht die subjektiv wahrgenommene Pflegequalität.



